Ein großer Klang für Petershausen

Phantom der Oper an der Orgel

Stuttgarter Domorganist Mayr faszinierte in St. Gebhard

Seit fünf Jahren spielt der Stuttgarter Domorganist Johannes Mayr mit dem Instrument voller Inbrunst und Leidenschaft wie ein Kind mit seinem Spielzeug – und zeitgleich ist er ein Meister des Instruments und großartiger Improvisator. Mit dem Rücken zur Filmwand und nur einem kleinen Spiegel vor Augen, verleiht er alten Stummfilmen Leben. Mit „Metropolis“ fing es an und letztes Jahr überzeugte Mayr als Slapstick-Begleiter von Charlie-Chaplin Kurzfilmen. Nach dem „Glöckner von Notre Dame“ holte er diesmal das „Phantom der Oper“ in den Kirchenraum von St. Gebhard und erzählte, dass beide Hauptdarsteller die gleichen sind: Lon Chaney, von dem es bei Wikipedia heißt: „Berühmt wurde er vor allem als Darsteller gequälter und grotesker Figuren wie dem Glöckner von Notre Dame oder dem Phantom der Oper, denen Chaney darstellerische Tiefe und Komplexität verleihen“. Solchen Beschreibungen haucht Mayr bereits bei einem Vorgespräch zum Orgelkino Leben ein, quasi: Der gebückte, verkrüppelte Glöckner und das körperlich große, über sich hinauswachsende Phantom, das ist der gleiche Schauspieler. Und so individuell vielseitig der Schauspieler, so individuell passt sich Johannes Mayr den Protagonisten an, fühlt sich in sie hinein und nutzt das Instrument als Mittel zum Bewußt-Sein-Machen.  Der gezeigte Stummfilm „Das Phantom der Oper“ aus dem Jahr 1925 basiert auf dem 1911 erschienen gleichnamigen Roman von Gaston Leroux, dessen sich auch Andrew Lloyd Webber für sein Musical bediente.

Zeit für ein privates Intermezzo. Es ist gute Tradition geworden, dass Johannes Mayr und ich vor dem Orgelkino ein wenig Zeit miteinander verbringen und ich bin immer wieder fasziniert, wenn er mich darauf hinweist: Passen Sie in der 44. und 45. Minute auf, dort passiert etwas Revolutionäres, nämlich eine rote Tönung des Schwarz-Weiß-Filmes, und in der 78. Minute … Zuhören, staunen und später alles vergessen, auf jeden Fall die Uhr!

Und mit all dem Wissen ausgestattet, sitze ich da (erstmals oben neben ihm auf der Empore) und vergesse Minuten und Informationen.

Staune über den Organisten mit XL-Größe, der seine Füße wie eine Ballerina über die Pedale sausen lässt, dass mir schwindelig wird. Die Ballettmädchen im Film hätten sich an Johannes Mayr ein Beispiel nehmen können. Er spielt wie in Trance, gedankenverloren wie ein Traumwandler und zugleich hoch konzentriert, Hochspannung pur. Nur ein kleiner Spiegel zeigt ihm, was hinter seinem Rücken vor sich geht. Im Vorfeld informierte er mich über die Zeitverzögerung im Kirchenschiff – Leute vorne hören einen Sekundenbruchteil später. Ob dann der musikalische Taktstocks des Operndirektors auf der Leinwand synchron ist mit seinem Orgelspiel? Hinzu komme die Geschwindigkeit einer großen Orgel und und und . . . Später, auf die Frage, wie er die Akrobatik auf den Pedalen meistert, beschied er lapidar: „die wollen auch einmal bewegt werden“.

Als sich Johannes Mayr nach der 93. Minute – oder so ähnlich – vom Spieltisch löst und nach unten zum Altarraum rennt, wischt er sich den Schweiß vom Gesicht. Vermutlich gar nicht bewusst, sondern immer noch in seiner musikalischen Filmwelt versunken. Unten erwartet ihn - allerdings anders als das Phantom - kein wütender Mob, sondern begeistertes Publikum. Applaus für das Phantom der Orgel und seinem Organisten Johannes Mayr. Nächstes Jahr wird er den „Golem“ in der Fassung von Paul Wegener wieder auferstehen lassen.

Jutta Cappel

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