Ein großer Klang für Petershausen

Filmklassiker trifft Orgelimprovisationen

Bild: Hanser

Murnaus Stummfilm-Epos von 1926 bietet schon für sich ein Ereignis erster Klasse: Jede Einstellung (noch mit stehender Kamera abgelichtet) ist ein Bild-Kunstwerk: Faust hebt die Bücher des Wissens, vorm Bücherverbrennen, empor wie Moses die Gesetzestafeln, ehe er sie vor dem Goldenen Kalb zerschmettert; Gretchen flicht aus Kerker-Stroh einen Kranz – und es wird eine Dornenkrone; Frau Marthe Schwertlein hat ein verlockendes Lächeln wie eine gereifte Grisette aus dem Moulin Rouge – und die Mimin Yvette Guilbert war dort Sängerin und Plakatmodell für Toulouse-Lautrec. Wen der himmlisch weiße Engel nicht blendete, den erschreckte das zynisch verschlagene Grinsen des Teufels, aus dem Emil Jannings eine irdische Höllengestalt mimisch modellierte. Camilla Horn spielte ihr Gretchen als ebenso schönes, frommes wie verführbares Geschöpf.

Was man in dem 106 Minuten langen Streifen sah, war die Faust-Geschichte, aus allerlei Quellen zusammengesetzt, es fehlten nicht der Osterspaziergang und Valentins Ermordung in nächtlicher Gassenkulisse. Allerdings: Das Ende war neu: Liebe – mit leinwandfüllenden gotischen Buchstaben, siegt über Satanisches. Medienverwöhnte suchen über allen Bildqualitäten noch eine weitere ästhetische Qualität: Musik gehört zum Kino. Das Versprechen, der für seine erfindungsreichen Improvisationen längst gefeierte Stuttgarter Dom-Organist Johannes Mayr werde Murnaus Film-Mysterienspiel auf der neuen Winterhalterschen Konzilsorgel zum optisch-akustischen Großopus vereinen, wurde erfüllt mit allem Erfolg: Vorher, weil die St.

Gebhardskirche voll bis auf den letzten Platz war, zwischendurch, weil das ganze Leben von stummen Erschrecken über das hörbar tiefere Atmen des Mitfühlens und noch hörbarere Lachen (Marthe will Mephisto!), nachher, weil Groß-Beifall nach der hymnisch gewaltigen Liebesbotschaft aus allen 3306 Orgelpfeifen die Publikumsbegeisterung bezeugte.

Dass es ein Murnau-Mayr-Doppelerfolg war, steht außer Zweifel. Aber Film und Inhalt sind bekannt, neu war der Klang dazu. Der verdiente alle Bewunderung, denn hier musizierte ein Finger-, Füße- und Registervirtuose keine kinomusikalischen Unterhaltsamkeiten, sondern einen eigenen symphonischen Kommentar. Zunächst bot er einen Stil, den man als tonalen Expressionismus bezeichnen könnte – und es klang, als habe eine aus denselben Jahren stammende Faust-Oper den harmonischen, auch kontrapunktischen Grundton bestimmt: Busonis „Doktor Faust“ (1925). Nichts tönte nach Stilimitation oder gar Parodie, zumal der Organist auch illustrative Klangereignisse und tönende Gesten den Bildern zu gesellte: Der Schneesturm raste aus den Pfeifen, die Finalsteigerung überbot das Bild-Pathos.

Über allen glänzenden Einzelheiten besaß diese Film-Musik eine ganz eigene, großartig passende Form: Organist Mayr musizierte eine Orgelsymphonie. Der Beginn stieg (wie bei Anton Bruckner) aus dunklem Klangnebel empor, fand Doppelthematik von Engel und Teufel, führte zum Hauptsatz mit allen Motivkämpfen einer dramatischen Durchführung. Beschwörung und Blutvertrag gaben ein intensives Adagio mit beklemmender Dichte. Der folgte das entlastende Scherzo, eine Tanzsuite mit Walzer, gemütlicher Polka, Mädchenreigen. Das Tragische fand im Finale seine höchste Orgel-Expressivität mit „Dies irae“-Variationen und Marsch zum Scheiterhaufen, bis mit optimistischer und lautstarker Pracht (gegen alle literarischen Vorläufer) die Liebe gefeiert wurde. Der Teufel war geprellt! Großer Film, starke Musik, unverstaubte Botschaft.

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